Emotion vor Perfektion

Ein warmer Sommermorgen und wir treffen uns beim Schwarzsee. Ihre Webseite ist in Überarbeitung und darf neu bebildert werden. Der Boden des Sees ist matschig und schleimig. Kleine Fische schwimmen mir um die Füsse. Beim sortieren der Bilder fällt mir eins besonders auf. Es ist kein klassisches “Webseiten Foto” doch es gehört sofort zu meinen Favoriten.

Es ist Frühling und wir sind im Familienurlaub. Meine Schwester und ihr Freund tanzen gerne Salsa. Wir sind am Meer, kurz vor Sonnenuntergang. Mein Bruder fliegt mit der Drohne und umkreist das tanzende Paar. Ich geselle mich dazu und halte den Moment mit der Kamera fest. Sie wissen es, es war sogar abgesprochen. Doch in diesem Moment sind sie nicht bei mir. Sie sind in ihrem Element, vergessen mich, meine Kamera und die Drohne. Und genau hier entsteht mein Lieblingsbild aus diesem Fotoshooting.

Wir befinden uns im Brautmodegeschäft, es sind bestimmt schon zwei Stunden vom Fotoshooting um. Wir fotografieren die neue Kollektion und versuchen echte Momente darzustellen. Wie eine “Bride to be” sich im Spiegel betrachtet, wie sie ihr Brautkleid anschaut, mit ihren Händen über die Spitzen fährt und wie sie sich vorstellt, in diesem Kleid zum Altar zu schreiten. Das eine Model ist bereits verheiratet, dass andere ist Single. Der wohl echteste Moment ist hier entstanden. Als ein Selfie aufgenommen wird um den Moment festzuhalten, in der sie erneut, oder zum ersten mal ein Brautkleid tragen.

Diese Aufnahmen verbinden Momente, in denen ich unbemerkt war. Das Fotografieren stand gerade nicht im Vordergrund. Ein Moment, eine Situation wurde gefühlt und erlebt und ich war da und habe sie festgehalten. Emotionen sind mir in diesem Moment der Aufnahme wichtiger als die idealen Einstellungen. Kreatives Arbeiten, dokumentieren und ausprobieren ist mir wichtiger als der perfekt inszenierte Moment.

Doch stimmt das so wirklich? Beim auswählen passender Bilder für diesen Beitrag stolpere ich über dieses Bild und bleibe stehen:

Habe ich vorhin nicht gerade gesagt, ich mag diese Momente, in denen mich niemand bemerkt. Aber hier wurde ich entdeckt. Er bereitet sich auf den nächsten Spielzug vor und sieht mich. Ich stehe hinter der Endzone und warte darauf, dass er hoffentlich als nächstes mit dem Ball über die Linie läuft. Er nimmt sich diesen einen kurzen Moment Zeit und reagiert auf meine Kamera. Ich mag dieses Bild. Es geht mir also nicht nur um die unbemerkten Momente, sondern um Aufnahmen, die aus einem Moment entstehen, wenn Menschen das tun, was sie lieben. Egal, ob ich dabei entdeckt werde oder nicht. Und erst recht egal, ob die perfekte Pose erscheint oder die Einstellungen technisch einwandfrei sind. Denn für mich gilt: Emotion vor Perfektion. Immer.

Weiter
Weiter

Ein Fotoshooting im Wald